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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Monat Dezember 2015


Ulli Melkus

 

Meister, Motor und Mentor des Ost-Rennsports

 

 

In diesem Sommer jährte sich zum 25. Mal der Todestag der ostdeutschen Rennlegende Ulli Melkus. Am 18.Juni 1990 war der Dresdner Motorsportler auf tragische Weise bei einem Autobahn-Unfall in der Nähe von Speyer ums Leben gekommen. Ein geplatzter Reifen an seinem Youngtimer und der fehlende Unterfahrschutz eines LKW besiegelten an diesem verhängnisvollen Tag vor nunmehr 25 Jahren sein Schicksal.

 

Der ältere Sohn des ostdeutschen Rennsport-Urgesteins Heinz Melkus kam am 19.April 1950 in Dresden zur Welt und wuchs im Umfeld von Fahrschule, Werkstatt und Rennsport auf. Besonders dieser sollte von Anfang an sein Leben bestimmen.

Mit 16 Jahren drehte der hochgewachsene, sportliche Sachse seine Runden auf einem K-Wagen und schon mit 18 sah die Bernauer Schleife den jungen Nachwuchsfahrer in seinem ersten Formel-Junior-Rennen. Nur ein Jahr später - im Jahr 1969 – wurde ein Ulli Melkus als Vizemeister geführt. Von da ab sollte er aus den Siegerlisten der DDR und später auch des europäischen Ostens nicht mehr wegzudenken sein. Schon mit 19 Jahren hatte er sich in der DDR-Spitze etabliert!

 

Ulli erlernte „standesgemäß“ den Beruf des Kfz.-Schlossers, machte gleichzeitig das Abitur und begann anschließend sein Studium an der Technischen Universität seiner Heimatstadt. Die Fachgebiete waren Maschinenbau und Kraftfahrzeugtechnik. 1972 kam er mit dem Diplom in der Tasche in die väterliche Heinz Melkus KG zurück. Hier wurden in den 1960er Jahren bereits Formel-Rennwagen in kleiner Anzahl gebaut und 1970 wurde mit der Produktion des legendären RS1000-Flügeltürers begonnen. Gemäß der firmeninternen Planung übertrug ihm Vater Heinz die Leitung der Serienproduktion für diesen ersten und einzigen DDR-Sportwagen. Zudem hatte er sich als Produktionsleiter um die Herstellung verschiedenster Polyesterteile – unter anderem auch für die volkseigene Fahrzeugindustrie - zu kümmern.  

 

 

Die erste Eigenkonstruktion

 

Wie nicht anders zu erwarten, bestimmte der Rennsport-Virus seine Freizeit. Gemeinsam mit seinem langjährigen treuen Mechaniker Frank Nutschan wurde abends am Melkus64-Rennwagen geschraubt, um an den Wochenenden auf den Asphaltpisten des Ostens um Punkte und Siege zu fahren. Er wäre aber nicht der Sohn von Heinz Melkus, wenn er nicht auch von eigenen Rennwagenkonstruktionen geträumt hätte. Im Winter 1972 machte er sich an die Entwicklung eines offenen Sportwagens. Streng nach Feierabend (darauf legte Firmenchef Heinz Melkus großen Wert) entstand gemeinsam mit Frank Nutschan und Rainer Bergmann der Spyder PT73 (Prototyp 1973), sein erster erfolgreicher selbst entwickelter Rennwagen. Frank Nutschan erinnert sich: „Für Ulli war typisch, dass er für bestimmte Dinge regelrecht brennen konnte. Und dann war er wie kein Zweiter in der Lage, diese Begeisterung auf Andere zu übertragen und sie zum aktiven Mitmachen zu bewegen.“ Das Fahrzeug bewies in seinen wenigen Renneinsätzen absolutes Siegpotential im Feld der DDR-Sportwagen. Allein das Fehlen eines starken 2-Liter-Viertakt-Motors für internationale Auftritte veranlassten ihn, die Sportwagenklasse im Folgejahr schon wieder zu verlassen. Sein PT73-Unikat gilt heute dennoch als Kultobjekt des DDR-Rennsports.

 

 

Fortan konzentrierte sich der inzwischen verheiratete Sachse wieder auf den Formel-Rennsport als ostdeutsche Königsdisziplin. 1976 errang er seinen ersten Meistertitel. Vielleicht war es kein Zufall, dass er am entscheidenden Rennwochenende Anfang August zum zweiten Mal Vater geworden war. Nach seinem Sohn Ronny, der am ersten Tag des Jahres 1974 auf die Welt kam, ereilte ihm während des Trainings auf dem Schleizer Dreieck die Nachricht aus der Klinik, dass seine Frau Maria glücklich die gesunde Tochter Peggy zur Welt gebracht hatte. Das verlieh dem liebevollen Familienvater wohl die Flügel für den überzeugenden Doppelsieg an diesem Wochenende – und damit für den Gewinn der Meisterschaft.

 

Der MT77 – Basis des Erfolgs

 

Diesen ersten durchschlagenden Erfolg errang der frischgebackene Meister ausnahmsweise nicht auf einem Melkus-Renner, sondern auf einem modifizierten HTS-Rennwagen („Hartmut-Thassler-Shiguli“).

 

 

Dem Weitblick von Senior Heinz war es dann damals wohl zu verdanken, dass er den Leipziger Konstrukteur dieses Siegerwagens sofort zur Zusammenarbeit einlud. Ulli Melkus und Hartmut Thassler bündelten ihr Wissen und ihre Kräfte und stellten 1977 ihr gemeinsames Projekt eines DDR-Standard-Rennwagens vor.  Der Dresdner war es dann, der unter den Bedingungen der ostdeutschen Mangelwirtschaft die Organisation der Herstellung dieses nach Anfangsbuchstaben der Entwicklernamen „MT77“ genannten Rennwagens in die Hand nahm. Mit der  schon erwähnten begnadeten Gabe versehen, auch Andere begeistern zu können, organisierte er die arbeitsteilige Vervielfältigung ihrer Konstruktion mit Hilfe einer ganzen Reihe enthusiastischer Rennfahrer-Kollegen. Nach außen hin nannte man sich  „Sozialistische Renngemeinschaft“ (SRG), was die Akzeptanz bei den „Motorsport-Oberen“ der DDR sicherte. Innerhalb nur eines Jahres füllte ein knappes Dutzend MT77-Rennwagen die Starterfelder der Klasse B8 bei nationalen Rennen wie im internationalen Pokalwettbewerb. Mit dem MT77  war ein absolut konkurrenzfähiges Wettbewerbsfahrzeug entstanden, das innerhalb kürzester Zeit zum „Standardrennwagen“ der DDR-Aktiven avancierte. Die gesamte DDR-Spitze fuhr ab 1978 fast ausnahmslos MT77 und auch im osteuropäischen Rahmen war der Rennwagen bis Mitte der 1980er Jahre das Maß der Dinge und nahezu ungeschlagen. Er wurde bis zum Ende der DDR in knapp 60 Exemplaren gebaut und fand auch Liebhaber in der CSSR und in Ungarn.

 

Ulli Melkus selbst entwickelte auf seinem eigenen MT77 mit der legendären „81“ einen unvergleichlich präzisen Fahrstil, der ihn zum Spitzenfahrer qualifizierte. Auf der Rennstrecke erschien er immer mit einem optimal vorbereitetem Rennwagen, so dass er sich im Training auf die Erarbeitung der der Bremspunkte und der Ideallinie konzentrieren konnte. Diese traf er dann Runde für Runde auf den Zentimeter genau.  Zudem besaß er die begnadete Fähigkeit, im entscheidenden Augenblick das kaum noch auszumachende Quäntchen zuzulegen. Zweikämpfe führte er mit kühlem Kopf und Fairness. Interessant: Er saß von 1977 bis 1988 immer in demselben MT77, von Jahr zu Jahr modifiziert. 

 

Fünf Mal konnte er die nationale Meister-Trophäe in Empfang nehmen. Er erkämpfte etliche zweite und dritte Plätze und gewann ebenfalls fünf Mal (!) den internationalen „Pokal für Frieden und Freundschaft“, faktisch die Ost-Europa-Meisterschaft. In den Jahren 1983 bis 1985 erreichte er sowohl in der DDR-Meisterschaft als auch in diesem Pokalwettbewerb den Hattrick – jeweils drei Titel in Folge. 1986 wird ihm eine der höchsten Auszeichnungen verliehen, die der ostdeutsche Staat seinen allerbesten Sportlern stiftete: Meister des Sports. Ulli Melkus war damit der erfolgreichste ostdeutsche und osteuropäische Rennfahrer seiner Zeit.

 

 

 

„Politisch sorglos“

 

Umso erstaunlicher war der Umgang der Funktionäre mit ihm. Als er 1981 im gemeinsamen Fahrerlager im böhmischen Most mit Jochen Mass zusammentraf und ihm auf Wunsch eine Sitzprobe in seinem MT77 ermöglichte, zeigte man dafür gerade noch Verständnis. Dass sich aber seine Frau Maria danach noch ein Autogramm auf ihr Dekolleté schreiben ließ, konnte diese Beton-Fraktion nicht verstehen. Man zitierte den Spitzenfahrer nach Berlin, warf ihm „politische Sorglosigkeit“ vor und verpasste ihm eine Sperre für ein Jahr. Diese wurde zwar kurz darauf wieder aufgehoben, eine öffentliche Stellungnahme beim Briefing vor allen versammelten Rennfahrern ersparte man ihm jedoch nicht. Auch wurde er genötigt, seiner Frau für ein Jahr Fahrerlagerverbot auszusprechen (!). Sein zurückhaltender Charakter ließ ihn diese schikanöse Behandlung mit einem gewissen Gleichmut hinnehmen. Mit der „sozialistischen Einheitsideologie“ hatte er ohnehin nichts am Hut. Sehr feinfühlig und sensibel hatte er sich seine rennsportliche Nische immer komfortabler ausgebaut. Und die wollte er nicht aufs Spiel setzen.

  

Sechs bedeutsame Jahre und etliche Siegertitel später konnte man aber an seinem Ost-West-Verständnis nicht mehr vorbei. 1987 beim Bergrennen im tschechischen Sternberk hatte der Dresdner den Heilbronner Rennfahrer Chris Vogler kennen gelernt. Es stimmte auf Anhieb die Chemie und so entwickelten sich schnell ein beispielhaftes Vertrauensverhältnis und eine enge Freundschaft. Es gab regelmäßige private Besuche des Heilbronners in der „Melkus-Ecke“ der Fahrerlager oder bei ihm zu Hause in Dresden. Im polnischen Kielce gab es dann eine kleine Sensation: den ersten Renneinsatz des Westdeutschen in einem ostdeutschen Team. Fortan folgten regelmäßige gemeinsame Aktivitäten und letztlich de facto „offiziell geduldete“ Gastrennen des Mannes vom Neckar auf dem Melkus-MT77. Diese blieben aber leider auf das osteuropäische Ausland beschränkt, eine Starterlaubnis auf dem Gebiet der DDR erteilte man dem Baden-Württemberger dann doch nicht. Chris Vogler gehörte aber von da an eben zur Melkus-Truppe dazu. Im November 1989 bedankte er sich auf seine Weise: Er stellte alle Weichen, dass wenige Tage nach Grenzöffnung eine kleine Meute ostdeutscher MT77 erstmals in einem offiziellen Rennen den Asphalt des Hockenheimringes unter ihre Räder nehmen konnte. Heute bezeichnet er die drei Jahre an der Seite seines Dresdner Freundes als die schönste, erlebnisreichste und eindrucksvollste Zeit in seinem Leben: „Wir haben uns von der ersten Minute an blind verstanden. Ulli war in seiner Sanftheit und unbedingten Zielstrebigkeit ein ganz besonderer Mensch. Ich fühlte mich mit ihm von Anfang an irgendwie seelenverwandt.“

 

Familienmensch – Genießer – Gartenfreund

 

Vom Charakter her war der Spitzenkönner tatsächlich ein überaus liebenswerter Zeitgenosse. Seine grenzenlose Ausgeglichenheit war wohl beispielhaft. Kaum jemand kann sich an ein Aufbrausen oder gar Fluchen erinnern. Sein freundliches Lächeln und die sächsische Ruhe verlor er auch in der hektischen Umgebung des Fahrerlagers nicht. Achtung vor dem Alter, Hilfsbereitschaft und gelebte Liebenswürdigkeit schreibt man dem beliebten Dresdener heute noch zu. „Ulli war ein Familienmensch, seine beiden Kinder und Maria standen immer im Vordergrund“, erinnert sich sein Bruder Peter, “Ich war mehr der Schöngeist, er hingegen war als mein großer Bruder mehr der sachliche Techniker. Wir hatten immer ein gutes Verhältnis und er hat mich damals auch fest in sein MT77-Projekt integriert.“ 

 

Die gepflegte Geselligkeit kam im Leben des Dresdners ebenfalls nicht zu kurz. Für regelmäßige Party-Abende mit seinem festen Freundeskreis fand sich meistens erst die Zeit, wenn die Rennsaison beendet war. „Ulli hörte gern Country-Musik, aber auch Aretha Franklin oder Michael Jackson“, erinnert sich Maria Melkus, „Einerseits war er ein Genießer, liebte einen guten Wein, herzhaft Gegrilltes oder Fondue. Andererseits war er auch mit einem kleinen Feierabend-Bier und ein paar Salzstangen glücklich.“ Zu Hause in Alt-Gostritz widmete er sich gern der Gestaltung seines kleinen Grundstücks und testete seine Fähigkeiten als Gärtner. War er mit dem Tross der Renngemeinde zu Auslandsrennen unterwegs, interessierten ihn viele Sehenswürdigkeiten auch abseits der Reiseroute und waren ihm meist einen Abstecher wert.

Körperliche Fitness befand der überzeugte Nichtraucher als Voraussetzung für seinen geliebten Rennsport. So hatte er in seinem Haus einen Sportraum mit Ergometer, Boxbirne und anderen Geräten eingerichtet. Mit seinem Kontrahenten Bernd Kasper verband ihn eine echte und tiefe Freundschaft. Sie schraubten nicht nur in der gemeinsamen Werkstatt, sondern hielten sich auch im gemeinsamen Training fit und feierten natürlich auch zusammen.

 

 

Meister, Motor und Mentor

 

Spätestens in den 1980er Jahren war der Name Ulli Melkus zum Synonym für den Automobilrennsport der DDR geworden. Aufgrund seiner meisterlichen sportlichen Bilanz und seiner begnadeten Fähigkeiten als technischer Entwickler und Organisator hatte er sich zu einer der zentralen Gestalten entwickelt, war gleichsam Motor und Mentor der ostdeutschen Rennsportszene. Es gab wohl kaum einen Fahrer, Mechaniker oder sonstigen Aktiven, der nicht in irgendeiner Weise mit ihm zu tun gehabt hätte. Er hat es zunehmend als seine Verpflichtung begriffen, nicht nur sich selbst, sondern auch den gesamten ostdeutschen Rennsport nach vorn zu bringen. Dieser selbst auferlegten Verantwortung wurde er vielfach gerecht. Zeugnis davon legten auch seine letzten Rennwagen-Entwicklungen ML89 (Melkus-Lada) und MB90 (Melkus-BMW) ab.  

 

 

 

 

 

 

 

Sein sinnloser Unfalltod setzte seinem unbändig aktiven und optimistischen Leben ein jähes und viel zu frühes Ende. Ulli Melkus wurde nur 40 Jahre alt. Für die Dresdner Motorsportdynastie war es eine Familientragödie, für den Motorsport ein Riesenverlust. 

 

Es bedarf keiner Absprachen und langer Telefonate: Immer um den 3. Oktober herum trifft sich vor dem Friedhof Dresden Leubnitz eine kleine Gruppe Motorradfahrer. Unter den Helmen kommen die Gesichter seiner engsten Weggefährten zum Vorschein. Still werden Blumen an seinem Grab niedergelegt, dann geht es über drei Tage auf Tour. Seit einem Viertel-Jahrhundert halten sie auf diese Weise die Erinnerung an ihren verunglückten Freund und Sportsmann wach. Und sie fragen sich jedes Mal, was wohl ohne den Reifenplatzer noch alles möglich gewesen wäre.

         

 

Hendrik Medrow, Dezember 2015

 

 

Fotonachweis: Archiv Melkus (4), Archiv Thassler (1), Archiv Nutschan (3)