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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Monat November 2016

Peter Mücke

Der Sportaholic



Ein geruhsames Statement mit nostalgischem Rückblick auf die vergangenen Erfolge ist von Peter Mücke nicht zu erwarten, wenn man ihn auf seinen Siebzigsten anspricht. Ob oder wann er ans Aufhören denkt, erübrigt sich nach den ersten zwei Gesprächsminuten ohnehin zu fragen. Stattdessen bricht der drahtige Teamchef von „Mücke-Motorsport“ ein ganzes Bündel an Lanzen für Teamgeist und Motivation, für Bindung zu den Aktiven und für´s Nach-Vorne-Schauen.

 

1946 geboren, hat er den unbändigen Rennsport-Enthusiasmus wohl vom Vater geerbt. Der damalige Landestrainer für Motorrennsport hatte ihn schon als Jungen ins Fahrerlager an der Bernauer Schleife mitgenommen und damit dessen Leidenschaft begründet. In den 1960ern durfte er dann als Lehrling bei einem Kollegen an dessen Formel-III-Rennwagen mitschrauben. Von da an ließ ihn der Rennsport nicht mehr los.

 

1970 tauchte er als Mechaniker eines Melkus RS1000 am Start der ersten ostdeutschen Sportwagen-Rennserie auf. Als sich ein Jahr später die erste DDR-Tourenwagenmeisterschaft formierte, hatte der Berliner dann selbst einen Helm auf und griff für den Dresdner MC Lockwitzgrund ins Lenkrad eines Wartburg 353. Auf Anhieb pachtete er für die nächsten drei Jahre einen festen Platz unter den ersten Drei. Damit war ihm sowohl die jährliche Nominierung in die Nationalmannschaft, als auch ein begehrter „Werbevertrag“ mit dem ostdeutschen Leuchten-Hersteller „NARVA“ sicher.  

 

Der unbesiegbare Mücke-Zastava

 

Die Grundlage für die Hauptetappe seines Höhenfluges legte er selbst im Jahr 1976. Er baute mit seinen Mechanikern aus einem „Zastava 101“ einen Renntourenwagen auf, der seinesgleichen suchen sollte. Eine Unfallkarosse dieses frontgetriebenen jugoslawischen FIAT 128-Lizenzbaus wurde gefunden und entkernt. Nicht eine Schraube blieb an ihrem Platz, nicht ein Lager an seiner Stelle. Motor, Getriebe, Anlenkungen, Aufnahmen, Lenkungsteile – alles wurde demontiert, pedantisch geprüft und für den Renneinsatz optimiert wieder eingebaut. Als das Fahrzeug rennfertig dastand, brachte es weniger als 700 kg auf die Waage – der leichteste Renntourenwagen weit und breit.

 

1976 mutierte dieser aus dem „Nichts“ und ohne Vorbild aufgebaute Zastava zum Hecht im Karpfenteich. Mit ihm fuhr der Kraftfahrzeugmeister Kreise um die Konkurrenz und düpierte seine Widersacher mit vier Meistertiteln fast in Folge. 1977, 1978, 1980 und 1981 blieb das Traumgespann Mücke/Zastava ungeschlagen und ließ der Konkurrenz nur die Hoffnung auf zweite Ränge und Folgeplätze. Egal auf welcher Strecke – das blau-gelbe „Narva“-Kraftpaket mit der „88“ kam, sah und siegte. Obwohl die Konkurrenz nach und nach aufholte, fuhr Mücke in einer anderen Welt. Wie konnte das eigentlich sein? Ging da etwas nicht mit rechten Dingen zu? Hat das Auto wirklich nur 1100ccm und vier Gänge? Stimmt das Mindestgewicht? Immer wieder kamen diese Fragen auf und wurden auch als offizielle Proteste hinterlegt. Kaum ein Rennwagen wurde deshalb nach den Rennen so oft von den Technik-Kommissaren unter die Lupe genommen. Weitestgehend ohne Befund: Der Zastava war regelkonform. Alles andere blieb Gerücht, das sich allerdings zum Teil bis zum heutigen Tag hält.

Peter Mücke sagte dazu vor Jahren in einem Interview mit MSA: „Das ist doch immer und überall das Gleiche im Motorsport: Wer Erfolg hat, wird auch verdächtigt. Immer wieder gewinnt doch aber keiner, der ein Bescheisser vor dem Herrn ist, sondern einer, der auf Dauer gute Arbeit macht.“

 

Als Garanten der Siege und Titel erwiesen sich deshalb eher drei Gründe: Mücke als Spitzenfahrer, das geniale Konzept des Rennwagens und die absolut professionelle Arbeit seines Rennteams. Regelmäßige Revisionen des Kurbeltriebes, der Ventile und des Zylinderkopfes sowie der drehenden Teile, Lager und Aufhängungen des Fahrzeuges nach jedem (!) Rennen gehörten bei ihm damals schon zum Standard und setzten in der Amateurszene der DDR Maßstäbe.

 

Nach diesen fünf erfolgreichen Jahren war Peter Mücke endgültig ein mit kräftiger Farbe beschriebenes Blatt im ostdeutschen Autorennsport. Der meisterliche Rennfahrer, der gleichermaßen als Konstrukteur, Mechaniker und Teamchef aufs oberste Treppchen gestiegen war, hatte fast alles erreicht, was man im Tourenwagensport erreichen konnte. Folgerichtig suchte er nach einer neuen Herausforderung und wechselte 1982 zum Auto-Cross-Sport, wohin ihn schon seit 1977 immer wieder kurze Abstecher geführt hatten. Hier war auch wieder mehr der Konstrukteur in ihm gefragt, fast alles an den Fahrzeugen war frei gestellt. Auch mit hochfesten Werkstoffen konnte der Berliner in seinem neuen Metier experimentieren und fand Spaß an den neuen Herausforderungen. Anfangs mit Zastava- und Lada-Power unterwegs, stellte er Mitte der achtziger Jahre seinen neuen revolutionären Allrad-Buggy vor: Jede Achse wurde von einem eigenen 750er Yamaha-Motorrad-Motor angetrieben. Mit diesem unschlagbaren Kraftpaket fuhr Peter Mücke wiederum allen um die Ohren. Seine Bilanz: Sieben DDR-Meistertitel und erste internationale Erfahrungen und Erfolge bei Europameisterschaften. Nach dem Fall der Grenzen krönte Peter Mücke seine Auto-Cross-Laufbahn mit weiteren drei Europameistertiteln (1992, 1993 und 1995). Zum Schluss zählte sein Vater als eifriger „Buchhalter“ und Chronist insgesamt 11 Meistertitel und über 400 Siege.

 

Mücke Motorsport – eine Institution

 

Heute ist Peter Mücke in der Rennsportwelt als ein respektierter Mentor und Organisator sportlicher Erfolge und gleichsam Förderer junger Motorsport-Talente ein Begriff. Seit 1998 Teamchef von „Mücke-Motorsport“, hat er einen in Europa fast einzigartigen Rennstall aufgebaut. Er kennt die heutige Welt des internationalen Profi-Rennsports wie kaum ein Zweiter und agiert in dieser absolut selbstsicher und seriös. Heute in Macau, morgen in Le Mans, das nächste Mal in Moskau, kurz danach auf dem Nürburgring – für den Mann aus Alt-Glienicke Alltag. Über 70 motivierte Leute stecken heute in den orangen Team-Overalls und bilden in den Augen ihres Chefs die Basis für alle Erfolge. Allein in diesem Jahr  betreut „Mücke-Motorsport“ erfolgreich zwei AMG-Mercedes in den Deutschen Tourenwagen-Masters (DTM), zwei Dallara in der Formel 3 und zwei mal vier (!) ADAC-Formel 4-Fahrzeuge mitsamt der  Fahrer und der Boxencrews. Talente wie Markus Winkelhock, Christian Klien, Robert Kubica, Sebastian Buemi, Christian Vietoris oder  Pascal Wehrlein nutzten in den letzten Jahren die von Peter Mücke aufgestellte Leiter zum Aufstieg in die Erfolgszone des Rennsports. Sie lernten bei ihm nicht nur das Rennfahren, sondern gingen allesamt auch durch eine harte Schule, die gleichsam hohe technische und charakterliche Anforderungen stellt. Allein seine fast allgegenwärtige Anwesenheit unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der der erfahrene Teamchef die Entwicklung junger Rennsportler begleitet. Und der Erfolg gibt ihm Recht: Die aller obersten Sprossen erklomm der vierfache Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel. 2004 hatte er sich unter Mücke die ersten Sporen in Form der BMW-ADAC-Meisterschaft verdient.

 

Mit „Mücke-Motorsport“ hat der zielstrebige Berliner den steilsten Aufstieg eines ostdeutschen Rennsportlers im internationalen Motorsport geschafft. Fast nebensächlich, dass er nach dem Ende der DDR mit viel Kraftaufwand ein Ford-Autohaus und eine Yamaha-Motorrad-Vertretung aufbaute. Es ist kaum zu glauben, aber wer Glück hatte, konnte noch vor zwei-drei Jahren den Kfz-Meister und Autohaus-Inhaber Peter Mücke an manchen motorsportfreien Tagen morgens in der Service-Annahme sitzend antreffen und bei ihm seinen Kleinwagen zur Inspektion abgeben. Inzwischen ist die Führung des Rennstalls zum Ganzjahresjob geworden.

 

Bleibt noch Zeit für Hobbies? „Ich hatte mal mit dem Surfen angefangen. Das hat mir auch anfangs Spaß gemacht, aber nach einem Jahr war der Reiz weg. Surfbretter haben eben keinen Zündschlüssel.“  So dreht sich Mückes Welt auch in der Freizeit um den Rennsport. Sohn Stefan ist neben seiner Karriere als erfolgreicher Profi-Langstreckenfahrer auch Chefmechaniker bei „Mücke Motorsport Classic“. Hier betreut er unter anderem die „Schätze“ der Mückes: fünf Ford-Capri und Escort aus der Zeit der DRM, die für außergewöhnliche Renneinsätze bereit stehen. Diesen Spaß gönnt sich der Teamchef als persönliche Belohnung für den angespannten und mit wenig Schlaf gesegneten Alltag. Aber auch hier sind Professionalität und Ehrgeiz angesagt. Das stellte er mit einem Doppelsieg auf seinem Zakspeed-Turbo-Capri (Ex Ludwig) beim Saisonfinale des Histo-Cups Austria vor vier Wochen eindrucksvoll unter Beweis. Es ist offensichtlich: Der routinierte Senior beherrscht sein Metier nicht nur im Chefsessel, sondern auch im Schalensitz.

Ewiger Enthusiasmus, glühende Begeisterung und grenzenlose Leidenschaft – diese Begriffe beschreiben nur unzureichend die Hingabe, mit der sich der erfahrene Altmeister dem Rennsport widmet. Wenn man ihn nach seinem Credo fragt, dann nennt er den eigenen festen Willen gepaart mit gelebtem Teamgeist an vorderster Stelle. Seine Ziele zu leben und mit aller Kraft daran zu arbeiten, waren immer die Maxime des Berliners – ob vor oder nach der Wende. Dabei „nach vorn schauen, selbst hart arbeiten und nie den Boden unter den Füßen verlieren“ ist aus seinem Munde zu hören. Aus diesem Grund erteilt er auch im Umfeld seines Siebzigsten nostalgischen Rückblicken eine Abfuhr: „Wer immer zurückschaut, verliert den Anschluss“. Im Mittelpunkt stehen deshalb in diesen Tagen die Planungen für die Formel 4 und Formel 3 für das kommende Jahr.

Was er an seinem Geburtstag Besonderes vorhat? „Vielleicht bleibe ich nach dem Kaffee mit der Familie etwas länger sitzen, … ist ja kein besonderer Tag.“


Fotonachweis: Archiv Heinrich (2), Mücke Motorsport ( 7)