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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Monat Juli 2017

Manfred "Manne" Kuhn
Normal ist anders


Den Randberliner Kfz.-Meister trieben weder Rekordsucht noch Geltungsbedürfnis hinter sein Sportlenkrad. Er hatte einfach Freude am Rennsport und an allem, was dazu gehört. Und so fanden wir den damals fast Fünfzigjährigen 1986 mit seinem „Eigenbau“ in der gleichen Startaufstellung wie den Dresdner Jürgen Meißner. Nur trieb die Werbung seltene Blüten: Während der Mitt-Dreißiger für Vitamin-Präparate warb, vergötterte „Manne“ Kuhn den Rock ´n Roll. Er beendete dieses Jahr mit einem sechsten Gesamtrang in der DDR-Meisterschaft – sein bestes Resultat.

 


Bei dem „Roten Teufel“ Arthur Flemming hatte er einen Teil seiner Ausbildung gemacht und von diesem bekannten Rennsportler Begeisterung und Verständnis für die Motorentechnik aufgesaugt. Ab 1959 machte Manfred Kuhn als Moto-Crosser auf sich aufmerksam und holte bis 1969 drei Mal den DDR-Meister-Titel in der 175-ccm-Klasse.

1969 klemmte er sich erstmals in einen Formel-Rennwagen. Er hatte einem West-Berliner auf der Bernauer Schleife über Nacht in seiner nahegelegenen Werkstatt dessen Formel III repariert. Als „Bezahlung“ durfte der Zweiradartist ein paar Runden auf diesem „Westrennwagen“ drehen. Da war der Funke übergesprungen.  Der Zufall wollte es, dass der Bernauer Formel-III-Lokalmatador Joachim Willmann genau zu diesem Zeitpunkt seine aktive Laufbahn beendete. Für ihn war Manne Kuhn der Wunschkandidat für sein Auto und so ging die „97“ für „nen Appel und ´n Ei“ an den nicht unbedingt mit Reichtum besäten Panketaler. Von 1970 an war Manfred Kuhn dann im Formelauto unterwegs. Der Spaß und kleine Erfolge ließen nicht lange auf sich warten und sie verließen ihn bis in das jetzige Jahrtausend nie wieder. Zum Schluss waren 42 Jahre ununterbrochene aktive Formel-Laufbahn zusammengekommen – eine der längsten in Europa.

 

Fuhr er zu DDR-Zeiten die ersten Monoposto auf Melkus-Basis in der Formel III, so entwickelte er sich in den Folgejahren zum „Meister der Eigenbauten“. Seine Formel-Rennwagen unterschieden sich immer von den anderen. Auch bei der Wahl des Antriebsaggregats ging er andere Wege. In seinem Formel III werkelte ein 1600er FIAT-Motor, ab der Formel Easter meist ein Aggregat aus dem „Zastava“. Ab Mitte der 1970er Jahre hatte sich Kuhn für die Leistungsklasse I qualifiziert und vertrat den ostdeutschen Rennsport dann auch als Stammfahrer regelmäßig in den „Bruderländern“. Bis 1989 bestritt er für den MC „Post Berlin“ mit seiner Startnummer „97“ unzählige Rennen und erarbeitete sich einen festen Platz in der ostdeutschen Rennsportszene.

 

Bekannt war der Panketaler auch für seine berühmte „Berliner Schnauze“, für seine Späße und Sprüche. So war er natürlich auch den Scherzen seiner Rennfahrerkollegen ausgesetzt. Als ihm jemand am Rennwagen das „P“ seiner seitlichen Aufschrift „MC Post Berlin“ abklebte, grenzte das schon an ein politisches Vorkommnis. Doch der wortgewandten Rand-Berliner verstand es immer gut, sich aus der Affäre zu ziehen.

 

Selten klebte das Pech an seinen Reifen. Ausnahme in Schleiz 1977: Erst geriet sein Zastava-Eigenbau im Fahrerlager in Brand. Nach den erfolgreichen Löscharbeiten und etwas Beruhigung nahm er dann doch noch das Training auf. Da passierte das zweite seltene Malheur: Bei Höchstgeschwindigkeit rannte ihm im Schauerschacht ein Reh ins Auto. Er  selbst blieb unverletzt, aber sein Auto brauchte daraufhin eine Generalreparatur.

 

„Die Puhdys kommen“ – diese Aufschrift prangte Mitte der achtziger Jahre in Riesen-Lettern an den Flanken seines Monoposto. Daran können sich viele Fans aus den Zeiten des Ost-Rennsportes noch gut erinnern. Gemeinsam mit Freunden und mit Unterstützung des AMC Schleizer Dreieck organisierte Manfred Kuhn zum Schleizer Classic-Grand-Prix im Jahr 2009 die Wiedergeburt dieses originellen Rennwagens. Anlässlich seines 50-jährigen Rennfahrerjubiläums wurde die liebevoll aufgebaute Replika von den fünf Rockmusikern persönlich enthüllt. Und das war nicht alles: Am Abend gaben die „Rockerrentner“ auf dem Dreieck ein voll besuchtes Sonderkonzert, eröffnet von Manne Kuhn im Overall. Vor knapp 2000 überraschten und begeisterten Fans sorgte der dann für einen Knaller: Ohne Vorwarnung hielt der 68-Jährige bei seiner künftigen Schwiegermutter um die Hand seiner Lebensgefährtin Barbara an und machte ihr einen öffentlichen Heiratsantrag. Ihr „Ja“ war unter tosendem Beifall und erstickt in einigen Tränen kaum zu hören…

 

Beide hielten Wort: Im Folgejahr steckten sie sich ebenfalls auf der Thüringischen Naturrennstrecke die Ringe an. Genau auf der Ziellinie wurden sie von der Schleizer Pastorin Hermine Fuchs getraut, flankiert von vielen Rennsportfreunden und einer historischen Motorrad-Parade. Die Kutsche war umringt von hunderten Gratulanten und besonders die jahrelangen Weggefährten gratulierten herzlich.

 

Keine fünf Stunden nach der Trauung saß Manne Kuhn in seinem Reynard und drehte seine schnellen Runden. Normal ist eben anders!

 

Nach dem Fall der Mauer hatte der heute 74-Jährige seine rennsportliche Heimat in der INTERSERIE gefunden. Mit seinem grünen Reynard-BMW gehörte er dort zu den Stammpiloten. Wo sein über 50 Jahre alter grüner Skoda-Bus mit dem „H“-Kennzeichen im Fahrerlager stand, wehte der Geist des Amateursports im besten Sinne des Wortes. Dort zählten Kameradschaft und Fairness, gewürzt mit typisch Berliner Charme und Bulettenduft aus der Küche seiner Barbara. Bis 2012 war der Inhaber einer Autowerkstatt auf dem heißen Asphalt unterwegs. Und wohlgemerkt - im Renntempo. Das macht ihn wohl einzigartig.

 

2012 ereilte den Randberliner ein krankheitsbedingter Schicksalsschlag, in dessen Folge er unter einer teilweisen Amnesie litt.  

Heute hat sich Manfred Kuhn wieder erholt, lebt aber vornehmlich allein und zurückgezogen in seinem Zepernicker Häuschen. Seine Werkstatt ist für den Mittsiebziger erneut zum Lebensmittelpunkt geworden. Hier repariert er in kleinem Umfang nach wie vor die Autos seiner Stammkunden. Stolz ist er vor allem darauf, dass er alles mit eigenem Kopf und Händen aufgebaut hat. Zuweilen freut er sich über Anrufe oder Besuche seiner Gefährten aus der Zeit des Rennsports.

 

Dann lebt er auf und gibt mit seinem Berliner Charme vornehmlich die Kapriolen aus der Zeit der DDR zum Besten. Und dann könnte man meinen, er wäre wieder ganz der Alte.


Aus: "Von Könnern, Machern und Legenden", HB-Werbung und Verlag 2016,  ISBN 978-3-00-054449-1
Fotonachweis: Archiv Kuhn  (5), Archiv Worm (1)