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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Monat Januar 2017

Manfred Günther

"Waschmaschine" im Dauerlauf


In seinen ersten aktiven Jahren als Rennfahrer gehörte er Ende der 1960er Jahre sofort zu den Besten seiner Klasse. Und er zählte auch noch im letzten Jahr der DDR zu denen, die bei der Meisterehrung nach vorn gerufen wurden. Dazwischen lagen zwei Jahrzehnte leidenschaftlich betriebener Rennsport der Spitzenklasse.

 

Während des Krieges im erzgebirgischen Markersbach geboren, stieg Manfred Günther erst mit knapp 30 Jahren in den Motorsport ein. Dafür war es aber ein Einstieg nach Maß. Ende der 1960er Jahre hatte er in seinem 312er Wartburg Coupe schon etwas Rallye-Luft geschnuppert. Als 1971  die Klasse A für die Rundstrecke aus der Taufe gehoben wurde, gehörte er zu den ersten, die sich dafür einschrieben und sofort vorn mitmischten.

 

1973 kamen die ersten Siege. Auf dem Sachsenring holte er sich seinen ersten goldenen Lorbeerkranz. In Frohburg gewann er dann sein zweites Rennen und damit auch den ausgeschriebenen „Pokal des Präsidiums des ADMV“. Sein zweiter Platz als bester DDR-Fahrer gegen die osteuropäische Konkurrenz war schließlich fast ein Freilos für die Nominierung in die Nationalmannschaft der DDR, zu der er von diesem Zeitpunkt an fast ohne Unterbrechung gehörte. Der ADMV-Pokal sollte zwar bis zum Schluss seiner Laufbahn der einzige Siegertitel bleiben, dennoch gehörte er zu der Handvoll Fahrern, die permanent in den Spitzengruppen zu finden waren.

 

Bis 1977 mischte der sympathische Erzgebirgler weiter mit seinem Wartburg 353 in der Tourenwagen-Meisterschaft mit, musste sich aber vier Jahre lang mit dem undankbaren vierten Rang begnügen. In dieser Zeit schloss der Markersbacher Spitzenfahrer einen Werbevertrag mit dem VEB Waschgerätewerk Schwarzenberg und warb ab sofort für die in der DDR bekannten Monsator-Waschgeräte. Das brachte ihm selbst und seinen Rennfahrzeugen den Spitznamen „Waschmaschine“ ein.

 

1978 übernahm er von Heinz Melkus dessen neuen MT77 und stieg damit in die Formel Easter ein. Die obligatorische Leistungsklasse II absolvierte er souverän als DDR-Bester und startete  ab 1979 unter den Spitzenkönnern des DDR-Rennsports. Wenn ihn sein Rennwagen nicht im Stich ließ, dann war meist ein Platz unter den ersten Fünf sicher. Wenn es gut lief, dann sprangen auch zweite und dritte Plätze heraus. Aber ein Sieg war dem ruhigen und ausgeglichenen Sachsen in der Formel Easter leider nie vergönnt. Auf dem Zenit seiner sportlichen Laufbahn erreichte er von 1987 bis 1990 vier Mal hintereinander den Vize-Titel, den letzten mit knapp 50 Jahren. Der „ewige Zweite“ hinterließ trotzdem einen absolut meisterlichen Eindruck, der nicht immer nur an der Zahl der Siege zu messen ist. Das bewies der faire Kämpfer auch bei allen seinen internationalen Auftritten, wo er für die Nationalmannschaft als sichere Bank für Mannschaftspunkte galt.

 

Für Manfred Günther waren Zusammenhalt, Fairness und Sportsgeist immer Maxime, nach denen er grundsätzlich selbst handelte. Als kameradschaftlicher und ehrlicher Sportsmann stellte er sich bei Notwendigkeit  auch freiwillig in den Dienst seiner Sportkameraden und Konkurrenten. Als dem Meisterschaftsfavorit Bernd Kasper 1986 beim Training auf dem Schleizer Dreieck ein Radkranz brach und dessen Fahrzeug daraufhin nicht mehr einsatzbereit war, stellte Manfred Günther ungefragt sofort selbstlos seine Ersatzteile und auch seine Mechaniker zur Verfügung. So ist es nicht verwunderlich, dass ihn mit seinen sportlichen Konkurrenten Ulli Melkus, Bernd Kasper, Heiner Lindner, Heinz Siegert oder Frieder Kramer auch persönliche Freundschaft verband. Zu Bernd Kasper war diese besonders ausgeprägt. Beide legten viel Wert darauf, dass ihre Plätze im Fahrerlager unmittelbar nebeneinander lagen.

 

Der Meister des Kraftfahrzeug-Handwerks betrieb in seinem Heimatort Markersbach schon seit 1963 eine Wartburg-Vertragswerkstatt. Seine Frau Uta und seine beiden Söhne Jörg und Michael waren der familiäre Rückhalt. An beide Jungs gab er seine motorsportlichen Gene weiter, mit entsprechendem Alter nahm er sie als zuverlässige Mechaniker mit an die Rennstrecken. Der liebenswerte Erzgebirgler hörte gern die Beatles oder Elvis, hielt sich mit Wanderungen und Langlauf fit und hielt auch ein „gepflegtes Nickerchen“ für eine sinnvolle Startvorbereitung.

Mit der politischen Wende in der DDR sah Manfred Günther für seine motorsportlichen Ambitionen neue Chancen. Von den ersten Renneinsätzen auf dem Nürburgring und in Hockenheim kam er jedoch desillusioniert zurück. Enttäuscht von leeren Tribünen und von den unpersönlichen Gesprächen mit westdeutschen Rennprofis sah er seine Maxime im Rennsport als nicht mehr realisierbar an. Damit zog er dann doch einen Schlussstrich unter seine Laufbahn als aktiver Rennfahrer.

Erst ab 1995 schob Manfred Günther seine „Waschmaschine“ wieder sporadisch bei historischen Wettbewerben oder Präsentationen an den Start und pflegte seine Leidenschaft mit Gleichgesinnten als entspanntes Hobby weiter. Bedauert hat er immer sehr, dass alte Naturrennstrecken - wie Schleiz oder Sachsenring - im Zuge von übertriebenen Sicherheitsstandards und Umweltauflagen  weichgespült wurden oder zu Motodromen verkommen sind und damit Ihren ursprünglichen wilden Charakter für immer verloren haben.

Andererseits gelang es dem bodenständigen Handwerksmeister gut, seine 1991 in einen VW-Betrieb umstrukturierte Wartburg-Werkstatt zu einem festen Standbein zu entwickeln. 1997 baute er im Ortsteil Raschau ein neues VW-Autohaus, das für seine Familie und für seine Mitarbeiter zu einer soliden wirtschaftlichen Basis wurde.

 

Die jetzt nach allen Richtungen offenen Grenzen beflügelten auch die Reiselust der Günthers. Regelmäßig machte er sich mit seiner Frau Uta auf den Weg mit dem Wohnmobil quer durch Europa, oder sie unternahmen exklusive Fernreisen in alle Welt. Ihre letzte Reise in den Süden Namibias endete jedoch auf tragische Weise. Am 9. September 2005 stieg Manfred Günther ohne Wasser und bei sehr großer Hitze allein in den Fishriver Canyon hinab. Von da ab verlor sich jede Spur. Trotz intensiver Suche mit Hubschraubern und Suchmannschaften wurde er nicht gefunden und gilt bis heute als verschollen. Noch immer hoffen seine Angehörigen auf ein Lebenszeichen oder wünschen sich zumindest eine Aufklärung der tatsächlichen damaligen Geschehnisse.

Aus: "von Könnern, Machern und Legenden", HB-Werbung und Verlag 2016,  ISBN 978-3-00-054449-1

Fotonachweis: Archiv Michael Günther (11)