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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Monat März 2017

Klaus-Peter Schachtschneider

Der Schwarz-Rot-Goldene Draufgänger


Stellen Sie sich vor, nachts dröhnt ein Höllenlärm aus dem Schornstein Ihres Nachbarhauses und auf dessen Dach beginnen fingerdicke Kabel zu glühen. Und das, weil der rennfahrende Nachbar seinen getunten Motor auf dem selbstgebauten Prüfstand testet. So geschehen im brandenburgischen Beelitz Ende der 1970er Jahre. Aus Elektromotoren und Starkstromkabeln der S-Bahn hatte sich Klaus-Peter Schachtschneider einen elektrischen Motorenprüfstand gebaut. Die Abgase wurden vom schalldämpferlosen Auspuff mittels eines Schlauches in den Hausschornstein geleitet. Das hielt die Luft zwar ziemlich sauber, verstärkte aber dafür die ohnehin lauten Geräusche um ein Mehrfaches. Die Beelitzer nahmen seinerzeit solche Dinge Jahre gelassen hin, war doch ihr Nachbar ein bekannter Rennfahrer und warb auf diese Weise für den ansonsten verträumten brandenburgischen Ort.

Vater Schachtschneider führte die einzige Beelitzer Wartburg- und Lada-Werkstatt und impfte so dem Junior das sprichwörtliche Benzin ins Blut. 1975 – als Zwanzigjähriger – begann dieser dann seine Racing-Laufbahn. Nach dem DDR-obligatorischen Rallye-Jahr bekam er seine Lizenz für die Rundstrecke und machte sich in der Rennkarosse eines 1300er Lada auf den Weg an die Spitze.

Schachtschneider erkämpfte sich 1979/80 und 81 jeweils die dritten Plätze der DDR-Meisterschaft, 1982 und 1983 wurde er Vizemeister und kam schrittweise an Kessler heran. Dazu trugen unter anderem in der CSSR angefertigte Nockenwellen bei. Das Publikum liebte ihn für seine spektakuläre Fahrweise und für seinen auffällig lackierten Renn-Boliden. Bereits 1978 hatte der Beelitzer das bekannte „Mampe“-Design des Ford Zakspeed auf seinen Lada übertragen. Dieses unverwechselbare „Schwarz-Rot-Gold“ kam beim Publikum bestens an, stieß aber bei manchem DDR-Funktionär gar nicht auf Gegenliebe.

So auch die Episode von 1981, als er in Most dem Joest-Interserie-Team von Jochen Mass seinen Barkas samt Chauffeur als Boxenfahrzeug ausborgte. Das brachte ihm mehrere politische Standpauken und eine Sperre für zwei Rennen ein. Auch war man nicht erfreut, dass sich ein paar Jahre später ein (West-) Fernsehteam von „Kennzeichen D“ ausgerechnet den „politisch wenig zuverlässigen“ Schachtschneider für ein Portrait aussuchte. Aber deren Wahl war verständlich: Schachtschneider gehörte zu den beliebtesten und schnellsten Rennfahrern der DDR, sah gut aus und war auch meist locker drauf.

Der Spaß an einer Sache ist ihm bis heute sehr wichtig. Es leuchten seine Augen, wenn er von seinem unvergesslichen Spitzenduell mit dem tschechischen Osteuropameister Tomasek in Schleiz 1985 schwärmt: “Da habe ich erlebt, wie das Publikum mich förmlich getragen hat. Ich sah die tausenden Fans in jeder Runde immer wieder aufspringen, sobald wir vorbeikamen – es kam mir vor, als hätte mein Lada Flügel“.

Viel Spaß machten ihm auch die Fahrten zu den Auslandsrennen. Die „Abenteuer“ und Erlebnisse im Tross mit seinem markanten Ikarus-Bus hat nicht nur er in bester Erinnerung, davon schwärmen auch heute noch viele ehemalige Aktive.

1986 beendete der Beelitzer seine Rennsportkarriere, um sich nach dem Tod seines Vaters um den Familienbetrieb zu kümmern. Die Homologationsbedingungen hatten ihm diesen Schritt ohnehin leicht gemacht. 1989/90 trat er jedoch noch einmal zu einer Stippvisite im Lada Samara an. Trotz Tuning vom tschechischen Metalex-Chef Petr Bold und Sponsoring des Westberliner Volklandt-Unternehmens blieb das neueste Produkt des sowjetischen Automobilbaus hinter den Konkurrenten auf Citroen oder Opel relativ chancenlos. So fiel seine Entscheidung zum endgültigen Rückzug vom Rennsport und zum Einsatz aller Kräfte für den Aufbau eines Opel-Autohauses.

Klaus-Peter Schachtschneider ist Jahrgang 1955. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen nach wie vor in Beelitz. Sein inzwischen Mehrmarken-Autohaus mit Hauptsitz in Potsdam führt er seit Jahren sehr erfolgreich. In seiner freien Zeit ist er am liebsten motorisiert auf zwei Rädern unterwegs. Neben exotischeren Zielen ist seine regelmäßige Teilnahme an der jährlich zum Gedenken an Ulli Melkus durchgeführten Motorradausfahrt für ihn Ehrensache.



Aus: "von Könnern, Machern und Legenden", HB-Werbung und Verlag 2016,  ISBN 978-3-00-054449-1


Fotonachweis: Archiv Isensee (1), Archiv Ulf Hoffmann (1)