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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait des Monats April 2017

Henrik Opitz

Sieg des roten Drachen

Die etwas chaotischen Verhältnissen im Wendejahr 1990 verhalfen dem Dresdner Kraftfahrer zum letzten vom ADMV der DDR vergebenen Meistertitel in der Königsklasse „Mondial“. Zwar hatte er beim Frühjahrsrennen in Schleiz gepatzt und war wegen eines Reifenschadens ausgefallen, das machte er aber mit seinem MT77 im Laufe der Saison wieder wett. Mit einem Punktekonto aus einem dritten Platz am Nürburgring und einem vierten in Wunstorf war er zum Schleizer Dreieck-Rennen angereist. Dieses Rennen mit internationaler Beteiligung beendete er als bester DDR-Fahrer auf dem sechsten Rang und erhielt dafür die maximale Punktzahl für die Meisterschaft. Beim allerletzten Rennen in Most erreichte der sympathische, zurückhaltende Schnauzbart auf seinem gerade erworbenen ML89 noch einmal einen dritten Platz. Damit war es sicher: Henrik Opitz ist der letzte DDR-Meister der 1600er Königsklasse.  

In den 1970er Jahren spielte er Moto-Ball in Dresden-Cossebaude und hatte sich dafür eine 250er MZ umgebaut. Dann war es ein Serien-Lada, mit dem sich der Berufskraftfahrer 1983 an die ersten Bergrennen wagte. Überraschend ließ man ihn schon 1984 in der LKII auf die Rundstrecke. Offensichtlich hatte man ihn mit seinem Bruder Henri verwechselt, der schon einige Bergrennen mehr hinter sich hatte. Nach Albert Gärtners eindringlicher Mahnung zur Vorsicht durfte er dann doch erstmals den Sachsenring unter die Räder nehmen.

Wurde er 1984 in Schleiz noch überrundet, ließ er im darauf folgenden Jahr sein Talent gehörig aufblitzen: Siege in Schleiz, Frohburg, am Kyffhäuser und am Weinberg, sowie zweite Plätze auf dem Sachsenring und am Rödertal sicherten dem Dresdener unangefochten den Bestentitel. Damit war der Aufstieg in die Leistungsklasse I in trockenen Tüchern. Im Jahr 1986 mischte er mit seinem weißen MT77 mit einem roten Drachen an den Seitenkästen kräftig in der Oberliga mit. Aus den üblichen  Platzierungen unter den ersten sechs, ragte ein dritter Platz in Frohburg  deutlich heraus. Am Jahresabschluss hieß es: Platz 7. Damit erhielt er für 1987 eine internationale Lizenz.

Mit seiner aufstrebenden Bilanz bewarb sich der schnauzbärtige Dresdner gleichzeitig um einen Werbevertrag mit dem NARVA Kombinat. Er bekam ihn nach nur einem Jahr in der LK I und trotz noch fehlender internationaler Erfahrungen. Ab 1987 gehörte nun Henrik Opitz mit seiner neuen Startnummer „86“ neben Ulli Melkus und Hans-Dieter Kessler zum NARVA-Team der Formel Easter.

Alle, die auf Henrik Opitz gesetzt hatten, wurden nicht enttäuscht. Mit einem fünften Gesamtrang 1988 zeigte der Dresdner, dass er durchaus zur ersten Garnitur der ostdeutschen Formel-Easter-Piloten gehörte. Ein schwerer Unfall beim Internationalen Pokalrennen in Schleiz verhinderte eine noch bessere Platzierung. Hinter Viktor Kasankow an zweiter Stelle liegend, rutschte er auf einer Ölspur aus und räumte auf 15 Metern einen Maschendrahtzaun samt Betonpfosten ab. Ein Totalschaden seines Autos war das Ergebnis. Er selbst kam unverletzt davon. Interessant die lapidare Notiz im „Illustrierten Motorsport“: „Henrik Opitz indes, sicherer Zweiter im Meisterschaftsrennen, demolierte bei einem Rutscher sein Auto und mußte aufgeben.“ (IllMo 09/88)

Für die folgenden Jahre hatte sich der Dresdner auf die neue Formel „Mondial“ bis 1600 ccm konzentriert. Zum einen gebot die Berufung in die Nationalmannschaft und damit seine Priorität als „Pokalfahrer“ diese Entscheidung, zum anderen war er auch an der Entwicklung des Getriebes für den 1600er Prototypen ML89 beteiligt. Am Jahresende 1989 stand als beeindruckendstes Ergebnis ein sechster Platz im osteuropäischen Pokalwettbewerb zu Buche und damit das beste Resultat eines DDR-Fahrers. Dazu Platz Fünf in der Meisterschaft der Formel „Mondial“ und Platz Sieben bei den 1300ern.

Die Krönung seiner Laufbahn erlebte der ruhige und ausgeglichene Dresdner dann im allerletzten Meisterschaftsjahr. Nach allen Turbulenzen stand er 1990 als letzter Meister der 1600er Königsklasse des DDR-Rennsports fest. Bis zu einem Unfallschaden 1992 fuhr Henrik Opitz noch „scharfe Rennen“ in der Formel Euro mit seinem in der Wendezeit übernommenen ML89-Prototypen. Nach acht Jahren Pause startete er im Jahr 2000 wieder im historischen Rennsport, wo er noch heute „zum lebenden Inventar“ der HAIGO gehört.

Nach der Wende hatte der stille und bescheidene Dresdner im Stadtteil Cossebaude zunächst einen Fuhrbetrieb mit Autohandel gegründet. Danach kamen die Meisterprüfung im Kfz.-Handwerk und der schrittweise Ausbau  seines Familienbetriebes zur heutigen modernen „Kfz.-Werkstatt und Reifen-Service“. Damit stand er mit seiner Familie wirtschaftlich auf einem soliden Standbein. 2002 und 2013 musste er Rückschläge hinnehmen: Seine Wohnung war beide Male vom Hochwasser der Elbe stark betroffen.

Der starke Zusammenhalt ließ die Familie diese Schicksalsprobe gut überstehen, heute sind die meisten Schäden wieder behoben. Seit 1975 ist Henrik Opitz – Jahrgang 1952 - mit seiner Frau Annegret verheiratet, seine Tochter Susanne betreibt einen Frisiersalon und Sohn Marcel ist der zweite Meister in der Werkstatt. Der Rennsport ist nach wie vor ihr Domizil. Jedoch wird heute schon mal ein Wertungslauf dem anstehenden Urlaub geopfert. Ansonsten stehen Reisen im Wohnmobil, Boot fahren und Erholung in der Natur hoch im Kurs.

Bleibt noch die Frage nach dem roten Drachen, der seinen ersten Rennwagen zierte und der auch noch bei den letzten Meisterschaftsläufen auf dem Heckflügel seines MT77 zu finden war. Der Drache war ein Ausdruck des Dankes an seine Eltern Helga und Heinz Opitz. Beide arbeiteten als selbständige freiberufliche Porzellanmaler und das rote Fabelwesen war so etwas wie ein Symbol der Familie. Deshalb fehlte er auch nicht auf dem Rennwagen von Henrik und brachte ihm vielleicht auch das letzte Quäntchen Glück zum Erfolg als letzter DDR-Meister.



Aus: "von Könnern, Machern und Legenden", HB-Werbung und Verlag 2016,  ISBN 978-3-00-054449-1

Fotonachweis: Archiv Opitz (6), Archiv Enke (5)