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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait des Monats Mai 2017

Helga Heinrich

Spyderwoman

Als Heinz Melkus 1970 für die Rennserie mit seinen rassigen RS 1000 interessante Fahrer suchte, kam er sehr schnell auf die Mylauerin Helga Heinrich (ehemals Steudel). Die zweimalige Juniorenmeisterin im Motorradrennsport war seit 1959 bei jung und alt als einzige Frau auf dem Rennmotorrad bekannt geworden und aufgrund ihrer Spitzenleistungen überall gefeierter Publikumsliebling. Der weiteren Motorrad-Karriere der brillant agierende Akteuse waren in dieser Zeit Grenzen gesetzt. Die FIM vergab an Fahrerinnen grundsätzlich keine Rennlizenzen, so dass sie in der Spitze der Ausweisklasse ohnehin fest hing und seit 1967 keine Aufstiegsmöglichkeit hatte.

 

Da kam das Angebot, auf vier Räder zu wechseln, gerade recht. Die jung verheiratete Helga Heinrich tauschte den Lederdress mit dem Fahreranzug und startete Mitte 1970 erfolgreich im RS 1000. Ihr bei Melkus bestelltes Fahrzeug war zu Saisonbeginn noch nicht fertig und so konnte sie ihren Einstand auf vier Rädern erst beim Lückendorfer Bergrennen geben. Das tat sie auf Anhieb standesgemäß mit einem vierten Platz. Trotz versäumter Rennen landete sie am Jahresende auf dem sechsten Gesamtrang. Hatte ihr Heinz Melkus bei seiner RS1000-Werbetour versprochen, dass ihr die Sportwagen Spaß machen würden, so konnte sie dies jetzt nur bestätigen. So sollte sie den Flundern über zehn Jahre treu bleiben.

 

Sie war in der Tat bei den Sportwagen gut aufgehoben. Vor allem die Bergrennen, deren Anzahl fast jährlich zunahm, waren nach dem Geschmack der schnellen Vogtländerin. Nachdem sie 1972 einen neuen RS1000 bestellt hatte, stieg sie ab 1974 auf die offensichtlich noch besser geeigneten und wendigeren Spyder um.

Wolfgang Krug hatte den ersten offenen Sportwagen für sie gebaut. Auf ihren Wunsch hin bekam dieses Auto im Gegensatz zu den anderen Krug-Spydern einen Wartburg-Motor. Mit ihm demonstrierte Helga Heinrich solide Leistungen und behauptete sich vorerst im Mittelfeld. 1976 übernahm sie den Wartburg-Spyder von Hans Scharfe, in dem sie einige Glanzlichter setzte und auch ab und zu auf das Treppchen klettern durfte.

 

Für die 1977er Saison bot man Helga Heinrich den nagelneuen TR-Spyder auf Leihbasis an. Mit dem bildschönen Fahrzeug auf einem zukunftsweisenden Monocoque-Chassis – dazu in den typischen „Malimo“-Farben lackiert – kam die Mylauerin aber offensichtlich nicht klar. Sie monierte dessen fehlende Leistung und Standfestigkeit. Tatsächlich war der Sportwagen mit seiner 63-PS-Dacia-Maschine gegenüber den hochgezüchteten Wartburg-Motoren bedeutend im Nachteil. Der Konstrukteur und Co-Erbauer Helmut Tschernoster wiederum bemängelte die Professionalität ihrer Fahrweise und der Arbeitsweise ihrer Mechaniker. Noch vor Ende der Saison trennte man sich wieder.

 

Den Rückschritt nahm sie gelassen und griff 1978 dann wieder zu einem von Hans Scharfe modifizierten Sportwagen mit Wartburg-Motor. Mit diesem Spyder – auch wieder mit „Malimo“ Werbung - kam die Mylauerin sehr gut zurecht. Es häuften sich die Siege bei den Bergrennen und sie beendete die Saison mit einem dritten Gesamtrang. Im Folgejahr krönte sie ihre Sportwagen-Laufbahn endlich mit dem verdienten Bestentitel in der Klasse B6. Damit war sie die allerletzte Gewinnerin und schlug mit diesem Titel gleichzeitig das gesamte Kapitel „Sportwagen“ der DDR-Rennsportgeschichte zu.

 

Nicht zu Ende war aber ihre aktive Rennsport-Laufbahn. 1979 hatte sie als Doppelstarterin gleichzeitig ihr Debüt in der Rennwagenklasse B8 gewagt. Nach dem Aufstieg in die Leistungsklasse I erkämpfte sie mit ihrer fahrerischen Leistung auch die begehrte internationale Lizenz. Vor allem ihre Erfahrungen aus den Bergrennen kamen der hübschen Vogtländerin zu Gute. Noch heute ist sie stolz auf ihren vierten Platz in ihrem letzten Rennen der Leistungsklasse I, dem Steierbergrennen 1983. Sogar Heinz Siegert lag hinter ihr.

 

Helga Heinrich beendete 1983 mit 44 Jahren ihre aktive Rennfahrerinnen-Laufbahn, um sich in ihrer vogtländischen Heimatstadt Mylau dem Familienbetrieb – einer Drogerie- und Farbenhandlung - zu widmen. Sie war konsequent, sie trennte sich von all ihren Rennfahrzeugen. Der Kontakt zu Freunden aus dem Motorsport, aber auch zu Sportlern wie Jürgen Croy, Roland Matthes oder Cornelia Ender, riss allerdings nie ab. Der Sport ließ sie ohnehin nicht los. Als ehemalige Leichtathletin und Turnerin war er ihr weiter ein Bedürfnis und sie hält sich bis heute sportlich fit. Ihr Mann Dieter ist meist an ihrer Seite, wie er es seit 1969 auch immer war.

Die Konsequenz hielt bis ins Jahr 2003. Da ermunterte sie Wolfgang Wöhner zum Einstieg in den historischen Rennsport. Seither ist sie immer wieder sporadisch auf Präsentationen oder historischen Rennveranstaltungen zu finden. Ein schönes Glanzlicht setzten ihr Freunde im Jahr 2014 beim Sachsenring-Classic, indem sie ihr einen fahrbereiten MT77 mit der Startnummer „70“ in ihren „Malimo“-Farben bereit stellten. Der Beifall war groß, als sie damit im Feld der Formel Easter ihre Demo-Runden drehte.

Heute sagt die Mylauerin von sich: „Ich bereue nicht eine Stunde Motorsport.“

 

 


Aus: "Von Könnern, Machern und Legenden", HB-Werbung und Verlag 2016,  ISBN 978-3-00-054449-1

Fotonachweis: Archiv Heinrich (12)