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DDR-Rennwagenmodelle

 


Portrait Monat Juni 2017

Heinz Siegert

Die letzte Chance

Im Jahr 1989 schrieb der ADMV die DDR-Meisterschaft erstmals in zwei Klassen aus: Zum einen in der bisherigen Formel E bis 1300 ccm und zum anderen in der Formel Mondial bis 1600 ccm.  Nun mussten sich die Fahrer entscheiden, in welcher Klasse sie antreten wollten. Natürlich spielten bei dieser Entscheidung die möglichen Siegesaussichten keine untergeordnete Rolle.

Auch für den Leipziger Heinz Siegert stand die Frage, in welcher Klasse er wohl an den Start gehen sollte. Er entschied sich für die traditionelle 1300er Formel Easter. In dieser Klasse gehörte er seit 1978 zu den Spitzenfahrern - nur ein Meistertitel war dem Leipziger Taxifahrer bis dahin noch nicht gelungen.

 Nachdem Ulli Melkus und Bernd Kasper in die Formel „Mondial“ gewechselt waren, ergriff er nun seine letzte Chance. sein Kalkül ging auf: In Schleiz verblies er seine schärfsten Konkurrenten Manfred Günther und Steffen Göpel und gewann danach auch souverän das Frohburger Dreieckrennen. Addiert mit den Punkten aus den Bergrennen reichte es: Heinz Siegert war DDR-Meister 1989.


Der gelernte Kraftfahrzeugmeister arbeitete 1975 als Fuhrparkleiter einer Klinik und fuhr nebenbei Taxi, als er dort seinen Kollegen Heiner Lindner kennen lernte. Begeistert von dessen Rennsport-Aktivitäten wollte er ebenfalls in den Motorsport einsteigen und bat ihn um Hilfe. Der tat ihm den Gefallen und vermittelte ihm einen Formel-Rennwagen aus dem Hause Melkus. Erst später erfuhr er, dass Heinz Siegert vor Begeisterung sogar seinen privaten Polski-FIAT verkauft hatte, um sich diesen Rennwagen leisten zu können. Nachdem der modifizierte Melkus 64 von seiner NARVA-Lackierung (Ex-Ulli-Melkus) befreit war, ging es damit in der LK II an die ersten Bergrennen.

Schon 1977 brillierte der Leipziger Neueinsteiger dann in der Leistungsklasse II und gewann souverän die Bestenermittlung. Das bedeutete den Aufstieg in den ersten Rang. Ab 1980 setzten dort die ersten sportlichen Erfolge ein. Am Jahresende wurde er meist unter den ersten Sechs gewertet und erreichte mit zwei dritten Gesamträngen in den Jahren 1984 und 1987 seine besten Ergebnisse. Als beständiger Punktesammler wurde er jährlich in die Nationalmannschaft berufen.

Das sicherte ihm ab 1985 einen exklusiven und überdurchschnittlich lukrativen Werbevertrag mit dem Chemiekombinat BUNA. Die unverwechselbare Aufschrift „Plaste und Elaste aus Schkopau“ auf seinem MT77 erweiterte damals seinen jährlichen finanziellen Spielraum um eine fünfstellige Summe und wurde letztlich auch sein Markenzeichen.

1985 ereilte ihn in Most ein schwerer Unfall. Nach der Heilung seiner Beinverletzungen baute er mit seinem Freund Wolfgang Küther als Mechaniker seinen MT77 wieder auf und konnte acht Wochen später in Schleiz auf das bronzene Treppchen fahren. Das Folgejahr konnte er als drittbester Fahrer im osteuropäischen Pokalwettbewerb beenden. 1989 krönte er nun seine Laufbahn mit dem vorletzten DDR-Meistertitel, der in der 1300er Formel-Klasse zu vergeben war.

„1990 sind wir Ostler dann erstmals in Hockenheim gemeinsam mit den besten Formel-III-Leuten gestartet. Schumacher hat damals gewonnen, ich war als bester Ost-Fahrer immerhin auf Platz 13“, schwärmt die sächsische Frohnatur mit der unverkennbaren heiseren Stimme.

 

Heinz Siegert ist fast der einzige DDR-Spitzenfahrer, der bis vor zwei Jahren ununterbrochen am Lenkrad drehte. Sein Rennwagen ist noch immer derselbe MT77, der ihm auch seine ersten Erfolge bescherte.

Der fast 67-Jährige begreift sich zu Recht als Botschafter des historischen Rennsports der DDR. Das bestätigt er eindrucksvoll durch seine Aktivitäten bei allen möglichen Auftrittsgelegenheiten des historischen Rennsports. Bis 2013 gehörte er als Stammfahrer zum ADAC Historic Cup – der HAIGO.

 Kraft und Motivation dazu gab und gibt ihm bis heute seine Familie. Ehefrau Beate hält ihm weitgehend den Rücken von Problemen frei und führt das „Kfz.-Sachverständigenbüro Siegert“. Um seine beiden Töchter Jeanette (Friseurmeisterin) und Lina (Reiseverkehrskauffrau) muss er sich nicht sorgen.

Seit knapp drei Wochen ist das Cockpit seines MT77 nun wieder regelmäßig besetzt. Nach einigen Stippvisiten in den Jahren zuvor hat sich Tochter Jeanette 2017 fest in der HAIGO eingeschrieben. Heinz Siegert freut es und er betreut die Friseurmeisterin von Herzen gern und ist trotz gesundheitlicher Probleme nun wieder in den Fahrerlagern präsent.





Aus: "Von Könnern, Machern und Legenden", HB-Werbung und Verlag 2016,  ISBN 978-3-00-054449-1

Fotonachweis: Archiv Siegert (3)