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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Monat März 2016


Heiner Lindner


Mit Akribie zum Erfolg


Sachsenring 1983, DDR-Meisterschaft Formel Easter, letzte Runde: Ulli Melkus und Bernd Kasper sind durchs Ziel. Es folgt Heiner Lindner, an dessen Heck klebt der Finsterwalder Wolfgang Günther. In der Queckenbergkurve berühren sich die Autos, die Zuschauer springen auf. Beide Boliden drehen sich und bleiben mit abgestorbenen Motoren wenige Meter vor dem Zielstreifen liegen. Als sich Heiner Lindner aus dem Cockpit seines MT77 schält, springt Günthers SEG wieder an. Dann erleben 12000 Zuschauer den entfesselten Leipziger, der mit einem Sprung auf die Haube seines Kontrahenten dessen Zielfahrt verhindern will. Es nützt ihm nichts – Günther wird noch Fünfter, er geht leer aus.

Diese skurrile Episode haftet in gleicher Weise an Heiner Lindner, wie sein ansonsten brillanter Ruf als akribischer Techniker und als begnadeter Rennfahrer und Regenspezialist.


 

Den Leipziger Taxifahrer packte Ende der 1960er Jahre der Motorsport. Drei Jahre fuhr er Rallye. 1973 erstand er dann eine „Zweitakt-Melkus-Zigarre“, rüstete sie auf einen Lada-Motor um und ersetzte die Aluminiumschalen durch eine Polyesterhaube. 1974 gehörte er zu den ersten Besitzern eines HTS-Rennwagens und mischte gemeinsam mit dessen Konstrukteur Hartmut Thassler auf dem Sachsenring die DDR-Spitze auf und siegte. Und zwar mit gehörigem Abstand und bei strömendem Regen. Das beeindruckte die ADMV-Oberen so gewaltig, dass diese ihn spontan in die Nationalmannschaft beriefen.



Viermal noch dominierte Heiner Lindner anschließend auf dem Sachsenring, meist bei Regen. 1976 und 1977 wurde er Vizemeister, 1978 und 1979 holte er sich auf einem MT77 den DDR-Meistertitel. Im Jahr 1980 war er der drittschnellste Osteuropäer in einem Formelauto. Bis 1985 gehörte er zum Stamm der DDR-Pokalmannschaft, vom Publikumsliebling über viele Jahre ganz zu schweigen.

   Dabei fiel es dem Leipziger schwer, im DDR-System der Gleichmacherei nicht „anzuecken“. Immer wieder war er politischen Querelen und Schikanen ausgesetzt und beendete deshalb 1985 seine Rennsportkarriere. Im darauf folgenden Jahr verließ er die DDR und ließ sich in der Nähe von Osnabrück nieder. Ab 1989 betrieb er dort eine Tankstelle mit Werkstatt. Weder Kunden noch Nachbarn ahnten von seiner erfolgreichen rennsportlichen Vergangenheit. Erst 1999 fand er wieder zu seinem geliebten Rennsport zurück. Drei Jahre lang baute er mit Sohn Matthias eine Replika seines letzten MT77 auf. 2002 erfolgte dann der Roll-Out des blendend schönen Formel-Easter .


   Sieht man ihn heute neben diesem Schmuckstück, glaubt man sich um 25 Jahre zurückversetzt. Nicht nur der Rennwagen sieht aus wie neu, auch der Wahl-Niedersachse hat fast nichts von seiner Jugendlichkeit eingebüßt. Dabei hat er den 70. Geburtstag schon länger hinter sich. Heiner Lindner blickt mit Zufriedenheit zurück. Seit über einem halben Jahrhundert weiß er seine Frau Ellen an seiner Seite, die goldene Hochzeit ist schon Geschichte. Sie genießen jetzt den „aktiven Ruhestand“. Am Rennwagen schrauben, sporadische Starts bei historischen Rennen oder mal eine Paddeltour – so gefällt ihm sein Leben.

Hendrik Medrow 2010


Fotonachweis: Archiv Lindner (2), Archiv Thassler (1), Archiv Worm (1)


Die Modelle des MT77 des sympatischen Ex-Leipzigers