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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Monat Mai 2016

Hartmut Thassler

Vor über 40 Jahren - Debüt mit Paukenschlag



Die 1970er Jahre waren im Automobilrennsport der DDR Jahre des Umbruchs. Über lange Zeit hatten sich die vom Zweitakt-Wartburgmotor angetriebenen ostdeutschen Rennzigarren als durchaus konkurrenzfähig und erfolgreich erwiesen. Ende der 1960er Jahre war aber das Entwicklungspotential des inzwischen aufgebohrten und mit Dreivergasertechnik befeuerten Zweitakters ausgereizt. Der Ruf nach Viertakt-Motoren wurde laut und auch die mit hohem handwerklichem Können gedengelten Aluminiumhauben schrien nach modernen Alternativen.

 

Der „Hartmut-Thaßler-Shiguli“

Den Durchbruch schaffte einer fast im Alleingang: 1974 düpierte Hartmut Thaßler die Formel-Szene der DDR mit seinem nagelneuen Formel-Rennwagen HTS („Hartmut-Thaßler-Shiguli“). Der Leipziger  stellte zum obligatorischen Frühjahrstraining im April 1974 auf dem Frohburger Dreieck einen fahrbereiten, selbst konstruierten und aufgebauten Rennwagen vor, der den Bauvorschriften der Gruppe C9 entsprach. Die charakteristischsten Merkmale des gelben Renners waren ein neu konstruierter Rahmen mit einer selbstlenkenden Hinterachse, der Antrieb durch einen getunten  1300er Shiguli-Motor und vor allem eine neuartige markante Karosserie aus glasfaserverstärktem Polyester (GFP). Besonders diese stellte einen spürbaren Schritt in die Zukunft dar. Erstmals war eine ostdeutsche Rennwagen-Karosserie nicht nur sehr windschnittig, sondern erzeugte auch den für schnelle Kurven notwendigen Abtrieb und kapselte den Motor komplett ein. Dieser Trend war selbst in der Formel 1 noch nicht die Regel und setzte sich dort erst ab 1978 durch. Und was das Wichtigste war: Der HTS sah nicht nur unverschämt gut aus, er zeigte auch im Rennen der Konkurrenz seine Heckansicht mit den markanten Kühlrippen.

Wer war der Mann, der für einen solchen Paukenschlag sorgte?

1941 während des Krieges geboren, ging er in den schweren Nachkriegsjahren zur Schule, machte ab 1957 seine Lehre als Kfz.-Schlosser, schloss 1967 den begehrten Meisterbrief an, um sich – untypisch für die DDR, aber typisch für ihn - 1974 selbständig zu machen. Dabei stürzte sich der findige Techniker auf eine unübersehbare Marktlücke  – Fahrzeugteile aus glasfaserverstärktem Polyester (GFP). Der geschäftstüchtige Leipziger hatte schon seit etlichen Jahren in Kleinserie „nach Feierabend“ solche Teile hergestellt. Ob Rennverkleidungen für ostdeutsche MZ-Motorräder, oder auch Front- und Heckspoiler für PKWs – Thaßlers Werkstatt war dafür seit Anfang der 1970er Jahre eine wohlbekannte Adresse. Der Bedarf an Polyesterteilen war zu dieser Zeit in der DDR riesenhaft. Schnell gehörte er zu den wenigen Begnadeten,  die nahezu kunstfertig mit diesen Polyesterharzen umzugehen verstanden. 1974 nun mit einem Gewerbeschein versehen, entwickelte sich sein Betrieb fortan in einer steilen Aufwärtskurve.

Zweites Hobby Motorsport.

1963 fuhr der Leipziger sein erstes Rennen auf einem 250er Serienmotorrad. Ab 1969 war er in den Reihen der Ausweis-und Lizenzfahrer mit einer 250er MZ zu finden. 1970 gehörte er zu den ersten Aktiven, die in der neu gegründeten Sportwagenklasse B5 mit einem der nagelneuen Melkus-RS1000-Flügeltürern an den Start gingen. Er gewann den ausgeschriebenen ADMV-Pokal gleich im ersten Jahr und liebäugelte sofort mit der Klasse der Formel-Rennwagen. Auf einem modifizierten Melkus 64 startete Hartmut Thaßler 1971 dann seine Karriere im offenen Auto. Das Jahr 1972 registrierte ihn als Sieger der Leistungsklasse II, der Qualifikationsklasse des Formelsports in der DDR. Damit war die Fahrkarte für die erste Liga gelöst, die Tür zum Kampf um Meisterschaften und internationale Pokale aufgestoßen.

Fortan war der gelbe Renner mit der Startnummer 91 sein unverwechselbares Markenzeichen. Der HTS schlug ein wie eine Bombe. Thaßler erkämpfte sich damit noch im selben Jahr den dritten Platz der DDR-Meisterschaft. Das Jahr 1975 wurde dann der eigentliche Höhepunkt in der Karriere des Leipzigers. Er selbst errang unangefochten den nationalen Meistertitel und heizte mit Heiner Lindner im zweiten HTS der osteuropäischen Konkurrenz erstmals wieder kräftig ein. 

In den folgenden zwei Jahren baute Thaßler insgesamt 18 (!) fertige HTS. Heiner Lindner, Wolfgang Küther, Bernd Queitsch, Wolfgang Wöhner oder Volker Worm fuhren damit Siege und Punkte ein, und sogar Ulli Melkus – selbst im eigenen Renn- und Sportwagenbau involviert – errang 1976 seinen ersten DDR-Meistertitel auf einem HTS.

Designer des Kultautos MT77

Der Erfolg seines Rennwagens beeindruckte auch dessen Vater Heinz Melkus, den Senior der einstigen DDR-Renndynastie. Der schlug ihm vor, gemeinsam an der Weiterentwicklung seines Rennwagens zu arbeiten und ein Folgeprojekt anzupacken. Dieses Angebot aus der Motorsporthochburg Dresden  reizte den umtriebigen Leipziger und so kam es zur gemeinsamen Arbeit am MT77 (Melkus-Thaßler 1977), dem für alle Zeiten erfolgreichsten Rennwagen aus der DDR. Man legte die ehrgeizige Konstruktion von Anfang an auf breite Schultern und bezog fast alle namhaften Aktiven des damaligen Formelrennsportes in das Projekt mit ein. Unter der Federführung von Hartmut Thaßler aber entstand die unverwechselbare Silhouette des MT77 – zukunftsweisend bis weit in die 1980er Jahre und heute noch Kult.


Heute lebt die Rennsportlegende mit seiner Frau Ramona und einer kleinen Korona von Katzen in seinem gepflegten Haus am Leipziger Stadtrand. Seine Firma hat sich heute auf exklusive Karosserie- und Lackarbeiten spezialisiert und wird hauptsächlich von Sohn Dennis (35) geführt. Hartmut Thaßler genießt inzwischen das etwas ruhigere Leben. Ganz ohne Motorengeräusche geht es aber auch heute nicht. Boot fahren oder ein paar Runden mit seinem 911er Porsche aus dem Jahr 1977 drehen, das bereitet ihm heute Spaß und Vergnügen. Ab und zu besucht er natürlich auch historische Rennen,  besonders wenn Sohn Dennis dort mit einem MT77 unterwegs ist.

Und am 12. Mai - seinem 75. Geburtstag - hat er guten Grund, auf sein Leben mit Erfüllung und Stolz zurückzublicken: Er hat etwas bewegt.

 

Fotos: Archiv Hartmut Thassler (11)