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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Monat Juni 2016

Frank Nutschan

Der "Über-Schrauber"


Er wäre eigentlich lieber Töpfer (!) geworden, hätte er sich als knapp 20-Jähriger nicht am Bautzener Autobahnring einen gewaltigen Renn-Virus eingefangen. Auf der Suche nach seinem Traumberuf lenkte dieser ihn 1971 zur bekannten Rennwagenschmiede Melkus in Dresden. Inhaber Heinz Melkus bot dem Oberlausitzer kurzerhand an, abends in der Freizeit an Rennwagen schrauben zu helfen. Nach vier Wochen überraschte ihn der Chef mit dem Angebot, am nächsten Montag zur regulären Arbeit zu erscheinen. Damit er es auch ernst nähme, besorgte er dem „Neuen“ auch gleich noch eine kleine Wohnung. Am Tage war er nun fest in die Manufaktur des Sportwagens RS1000 eingebunden, die Abende und Wochenenden gehörten den Rennwagen.

 

1972 kam Ulli Melkus vom Studium an der TU zurück und Nutschan wurde ihm fortan als Mechaniker zur Seite gestellt. In unendlich vielen gemeinsamen Arbeitsstunden entwickelte sich zwischen den beiden Enthusiasten ein besonders enges Verhältnis. Das gipfelte in Ullis fünf Meistertiteln und weiteren fünf Ost-Europa-Pokalsiegen. Nutschans herausragende Stellung im gesamten DDR-Formelrennsport liegt jedoch vor allem in seinem aktiven Mitwirken bei der Konstruktion und Entwicklung neuer Rennfahrzeuge begründet. So tragen der Sportwagen PT73 oder die Formel-Renner MT77, ML89 oder MB90 auch seine Handschrift. „Ich musste als Mechaniker meine Ideen immer gut begründen, damit sie übernommen wurden“, erinnert sich der detailverliebte Tüftler. So fertigte er z.B. aus Schweißdraht Rahmenmodelle an, um die angestrebte Verwindungssteifigkeit anschaulich zu demonstrieren.

 

Der tragische Tod von Ulli Melkus im Jahr 1990 erschütterte ihn tief. Trotzdem blieb die Melkus-Box weiter seine Heimat. Nach Gruppe N mit BMW , V8-Star-Serie, Formel Junior ADAC und Formel Lotus machte er 2011 seine 40 Jahre „Schmiermaxe“ in der DMV Meisterschaft voll. Er betreut dort die RS2000GTR-Sportwagen, die das Traditionshaus Melkus seit 2008 in kleiner Stückzahl in Handarbeit herstellte. Gemeinsam mit Ullis Bruder Peter Melkus hatte er 1995 diesen Sportwagenbau wieder belebt.

Frank Nutschan ist seit über 40 Jahren glücklich mit seiner verständnisvollen Sylvia verheiratet. Seine Tochter Claudia (29) arbeitet in der Altenpflege, ihre siebenjährige Tochter liebt den Opa und sorgt für viel Freude. Gartenarbeit, Schwimmen und Wandern – das sind die Dinge, bei denen er neue Kraft tankt.

Fraglich ist noch, was sich Frank Nutschan zu seinem Fünfundsechzigsten einfallen lässt. Seinen letzten runden Geburtstag nahm er zum Anlass, den „ganz persönlichen Jacobsweg“ zu gehen. Er lud seine engsten Freunde ein, an diesem Tag den Sonnenaufgang auf der Schneekoppe zu erleben. Das Geschenk an ihn war der gemeinsame Rückweg in die sächsische Metropole – zu Fuß! Nach 14 Tagen und über 300 Kilometern kamen die drei Paare wieder wohlbehalten in Dresden an und werden diesen Geburtstag wohl niemals vergessen.


Fotonachweis: Archiv Nutschan (9)