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DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Februar 2017

Albert Gärtner

Der Dirigent im Straßenrennsport


Von seinem Vater war bekannt, dass er schon 1916 in Berlin-Lankwitz beim Steher-Radrennen eine Wanderer-Schrittmacher-Maschine fuhr. Sein Onkel Willi Gärtner hatte 1936 auf einem 500er Rennmotorrad das letzte Stadtringrennen in Zittau gewonnen. Und 1958 wählten die Mitglieder des neugegründeten ADMV-Ortsklubs den Neffen Albert zum ersten Vorsitzenden. Das war der Beginn einer Laufbahn ohne Helm und Handschuhe, die dennoch vom Rennsport außerordentlich geprägt war.

Die Stärken des rennsportbegeisterten Zittauers lagen in seinem außergewöhnlichen Organisationstalent, das gekoppelt mit Durchsetzungsvermögen und Konsequenz im Denken und Handeln nur erfolgreich sein konnte. Die erste Kostprobe lieferte er Anfang der 1960er Jahre, als er den Traum von einer Neuauflage des Lückendorfer Bergrennens träumte. Dem Träumen gab er nur kurze Zeit, dann ging er ans Werk. Gemeinsam mit seinen Sportfreunden des Zittauer und des Bautzener ADMV-Klubs konnte er im Sommer 1961 die ersten Motorräder auf Zeitenjagd schicken – er selbst fungierte bis 1970 als Rennleiter.

So war es nicht verwunderlich, dass ihn der ADMV schon 1963 in seine Fachkommission Straßenrennsport berief. Hier war das umsichtige Organisationsgenie am rechten Platz. In dieser Kommission liefen alle Fäden zusammen, hier wurde der Jahreskalender aller Rennveranstaltungen koordiniert, die Wettkampfbestimmungen festgelegt, Fahrer- und Veranstalterschulungen organisiert und am Jahresende die DDR-Meister und –Besten würdig geehrt. Dazu kamen die jährliche zentrale Abnahme aller Rennfahrzeuge und die Erstellung der technischen Bestimmungen. Auch Vorschläge  für die Nominierung der Nationalkader für die Teilnahme an den „Pokalrennen für Frieden und Freundschaft“ und die Zusammenstellung der Delegationen oblagen dieser Fachkommission.

Der Oberlausitzer erfüllte das arbeitsreiche und aufwändige  Ehrenamt in dieser Kommission mit viel Enthusiasmus, so dass ihn sein Verband Anfang der 1970er Jahre mit deren Vorsitz betraute. Bis 1990 führte Albert Gärtner in dieser Funktion dann die Geschicke des DDR-Straßenrennsports. Für den Automobilrennsport unterstützt von seinem Arbeitsgruppenleiter Peter Findeisen, fehlte er bei kaum einer Rennveranstaltung und gehörte faktisch zum personellen Inventar einer jeglichen Siegerehrung. Und er war nie einfach nur dabei – immer hatte er Verantwortung und scheute sich nicht, diese auch wahrzunehmen.

Besonders diese Seite seiner Arbeit war für den ehemals begeisterten Segelflieger und erfolgreichen  Rallyepiloten (1957-63) auch nicht immer einfach. Seine aufopferungsvolle Arbeit für den Rennsport leistete er ehrenamtlich. Das Jahr über war er in Zittau zu Hause und führte als Maschinenbaumeister eine Firma, in der Stahlgusswalzen für Getreidemahlwerke geriffelt wurden. Die Rennsportszene kannte er aus dem Effeff,  war fast immer vor Ort, führte hunderte Gespräche und kannte natürlich auch die Stärken und Schwächen der Akteure, seiner „Pappenheimer“. Wenn ihn eine Leistung besonders begeisterte, dann konnte er durchaus über den Schatten althergebrachter Formalitäten springen. So berief er 1974 den aufstrebenden Heiner Lindner nach seinem beeindruckenden Sieg beim Regenrennen auf dem Sachsenring auf der Stelle in die Nationalmannschaft. 

Zuweilen geriet er aber auch in den Widerspruch mit der Berliner Verbandsführung (obwohl er ab Ende der 1970er Jahre selbst zum Präsidium des ADMV gehörte). Bekanntlich war der Präsident des ADMV Horst Schlimper gleichzeitig stellvertretender Verkehrsminister der DDR und damit auch für die Durchsetzung der Interessen der Staats- und Parteiführung verantwortlich. Nicht verwunderlich, dass dieser 1981 den Spitzenfahrer Ulli Melkus wegen des unerlaubten Kontaktes zu Jochen Mass zu einer einjährigen Sperre verdonnern wollte. Derartige Situationen förderten aus dem sonst resoluten und durchsetzungsstarken Albert Gärtner auch durchaus den vermittelnden und moderierenden Partner der Akteure zu Tage. So konnte er gegenüber seinem Präsidenten die Sperre abwenden und gegen eine öffentliche Stellungnahme des Dresdners abmildern.

Wie es die Situation erforderte, erlebte man den Pragmatiker vor Ort resolut, diplomatisch oder auch Partei ergreifend für die Akteure. Die Mehrzahl von ihnen bestätigte ihrem Kommissionsvorsitzenden bis zum Ende des DDR-Rennsports absolutes Fachwissen, Gerechtigkeitssinn und Fairness und begegnete dem Zittauer mit aufrichtiger Achtung und hohem Respekt.

2003 starb Albert Gärtner im Alter von 73 Jahren. Seine Frau Gisela (85) lebt nach wie vor in Zittau. Von seinen drei Söhnen fühlt sich besonders Erhard dem Rennsport verpflichtet und engagiert sich seit Jahren im Classic-Cup des ADMV. Somit ist der Name Gärtner inzwischen schon seit über 100 Jahren in den Annalen des Motorsports zu finden.


Aus: "von Könnern, Machern und Legenden", HB-Werbung und Verlag 2016,  ISBN 978-3-00-054449-1


Fotonachweis: Archiv ADMV (2), Archiv Erhard Gärtner (5)