easter43 miniatures
/

DDR-Rennwagenmodelle

 

Portrait Monat September 2017

Klaus Günther

Mit Lu und NARVA

Günther? Der mit der Waschmaschine?

Nein, an dieser Stelle eine kurze Namenskunde: Unter den bekannten DDR-Rennfahrern gab es den Namen Günther (mit „th“) drei Mal. Neben „Waschmaschine“ Manfred Günther aus dem Erzgebirge  (vgl.Jan.2017), machte der Finsterwalder Wolfgang Günther mit seinem SEG von sich reden (Nov.2015).

An dieser Stelle geht es um den Erfurter Klaus Günther, auch unverwechselbar – wer ihn kennt. Eigentlich wollte er in den 1960er Jahren mit seiner Freundin Lu Seitenwagenrennen fahren. Beide reizte die sportliche Herausforderung und ihn besonders die physikalische. Driften, rutschen, die Grenzen ausloten – das wäre es gewesen. „Hat leider nicht geklappt – zu jung, zu arm.“, bemerkt er heute mit dem ihm eigenen Quäntchen Selbstironie.

1970 – inzwischen Diplomingenieur und Abteilungsleiter im Starkstromanlagenbau Erfurt – gab es den zweiten rennsportlichen Anlauf – nun in der Sportwagenklasse. Bei Heinz Melkus hatte er sich einen RS1000 mit der Rahmennummer „010“ abgeholt und ihm auch gleich die Startnummer „10“ verpasst. Ohne erwähnenswerte eigene Rennerfahrung trat er gemeinsam Lu als Ehefrau und Schrauberin zu seinen ersten Rennen in Bernau an. Platz 5 war das Ergebnis, besser als erwartet. Zwar leistete er sich im gleichen Jahr noch ein paar harmlose Ausrutscher, aber er ging gut gewappnet – nun auch mit Helfer Werner Heidenmeier - in sein zweites Jahr als Rennfahrer.

Drei kämpferisch herausgefahrene zweite Plätze in den Hauptrennen des Jahres 1971 waren die beeindruckende Ausbeute des Erfurters. In Bernau ließ er Frieder Rädlein und Siegfried Anacker hinter sich, in Bautzen musste er im Regen nur Frank-Peter Findeisen den Vortritt lassen und in Dresden dem Altmeister Heinz Melkus. Unter dem Strich ergab die Punkte-Ausbeute für ihn einen klaren Sieg in der Bestenermittlung der Sportwagen.



Die NARVA kommt

Neben den sportlichen Ehrungen kam im Ergebnis dieses Rennjahres eine Anfrage auf ihn zu, deren Bedeutung auf den ersten Blick noch gar nicht zu ermessen war: Das Kombinat NARVA (DDR-Hersteller von Leuchtmitteln) war für sein westeuropäisches Exportgebiet an Werbefotos  mit dem frischgebackenen Sieger und seinem RS1000 interessiert.

Klaus Günther gefiel diese Idee und er stimmte interessiert zu. Ein beauftragter Designer nahm sich daraufhin den Flügeltürer vor. Er platzierte nicht nur einfach Firmenlogo und Slogans auf Türen und Hauben, sondern gestaltete das gesamte Fahrzeug zu einer bis dahin in der DDR noch nie gesehenen rollenden Werbefläche um. Das Ergebnis war ein echter „Hingucker“. Dann verfrachtete man das Auto in den Wald, bestellte eine Anzahl von attraktiven Models und einen Fotografen. Es entstand eine Fotoserie, deren beste Motive schließlich sogar auf einem Riesen-Display am Pariser Flughafen landeten. Sowohl für NARVA, als auch für den Erfurter war diese Aktion ein voller Erfolg.


NARVA hatte daraufhin die Absicht, auf diesem Weg weiter gehen. Mit Klaus Günther hatten sie schon mal einen geeigneten Partner im Motorsport. Und mit seiner Frau Lu gleichzeitig eine pfiffige Diplom-Ökonomin, die sich in „sozialistischen Wirtschaftsdingen“ gut auskannte.

Sport und Industriewerbung – das war in der DDR bisher undenkbar, war es doch Ausdruck der Auswüchse des Profi-Sports in westlichen Ländern. Also konnte es beim NARVA-Auftritt im Rennsport nicht um bezahlte Werbung schlechthin gehen, sondern die Sache musste eine „sozialistische Komponente“ besitzen.

Lu Günther konstruierte mit NARVA ein Vertragskonzept, das als Kern die Förderung und Finanzierung des Breitensports in verschiedenen motorsportlichen Disziplinen vorsah. Als Partner wurde der ADMV-Motorsportklub der Erfurter Verkehrsbetriebe (EVB) ausgewählt – der Heimatklub beider Günthers. Dorthin ließ NARVA seine finanziellen Zuschüsse fließen, von denen ein bestimmter Teil „für herausragende Werbewirksamkeit“ zu nutzen war. Die Mittel flossen so einerseits in den Breitensport des etwa 150 Mitglieder zählenden EVB-Klubs. Unterstützt wurde der Trainings- und Wettkampfbetrieb aller Sektionen, Moped-Lehrgänge (über 1000 Berechtigungsscheine wurden ausgegeben), Verkehrsteilnehmerschulungen oder technische Überprüfungen (heute „TÜV“). Es wurden Übungsleiter ausgebildet und natürlich auch das eigene Klubheim verschönert.

Zum Zweiten entschied der EVB-Klub nach dem Leistungsprinzip, welche Aktiven republikweit mit einer NARVA-Lackierung am Rennfahrzeug und einer damit verbundenen Finanzspritze gefördert werden sollten. Diese „herausragende Werbewirksamkeit“ der in NARVA-Farben lackierten Rennfahrzeuge auf den Rundkursen der DDR und Osteuropas war natürlich am deutlichsten spürbar.

Die Günthers wurden auf diese Weise zum Knoten- und Kreuzungspunkt aller weiteren Aktivitäten des NARVA-Kombinats im Rennsport. Klaus als Vorsitzender des MC EVB avancierte auf Wunsch des Industriepartners zum „NARVA-Teamchef“. Nach den Sportwagen (RS1000 und PT73) eroberte NARVA die Tourenwagen (Peter Mücke) und die Formel Easter. Peter Mücke zog NARVA später mit in den Auto-Cross-Sport und auch die erfolgreichsten Rennboote der DDR trugen schließlich die NARVA-Farben. Besonders in den 1980er Jahren waren die Rennfahrzeuge im Look des Lampenherstellers zum Synonym für Leistungsstärke und Anwartschaft auf Siege geworden. Das blieb so bis zum Ende des DDR-Rennsports.


Was also 1971 mit den hübschen Mädchen am RS1000 begann, entwickelte sich in den folgenden Jahren zum ersten industriellen Sponsoring-System in der DDR. Die von Lu Günther ausgearbeiteten und von Klaus Günther sachkundig umgesetzten Grundlagen leisteten mit Sicherheit gute Dienste bei der Entwicklung des Rennsports und halfen auch einzelnen Sportlern im Umgang mit ihrer kostenintensiven Sportart.


Weiter im Rennsport

Klaus Günther selbst blieb bis 1977 auch als aktiver Rennfahrer dem Automobilsport treu. Bis 1974 gehörte er mit seinem blau-gelben NARVA-RS1000 zum Stamm der Sportwagenpiloten. Meist unter den besten fünf Fahrern, konnte er 1974 auch im internationalen Pokalwettbewerb punkten.

Einen gewaltigen Abflug mit Überschlag infolge eines technischen Defektes auf dem Schleizer Dreieck überstand er 1973 eigentlich mit leichten Blessuren und einem Knöchelbruch. Aber seine Rettung aus dem auf dem Dach liegenden Melkus-Renner wäre beinahe zum Fiasko geworden. Der übereifrige Helfer versuchte  mehrmals, ihm den noch verschlossenen Helm vom Kopf zu reißen. Eine Ohnmacht war die Folge. „Ich hab´s mit Humor überlebt und nach meiner Wiederbeatmung geschwiegen. Ich wollte ihm nicht schaden, ich lebe ja noch“, befindet er heute über diese Episode.

1975 kam die Formel Easter an die Reihe. Der Erfurter übernahm die schnelle „108“ von Wolfgang Küther. Gemeinsam mit Lu und seinem Mechaniker Rolf Sickel schickte er sich an, in der Leistungsklasse II seine Eintrittskarte für die erste Liga zu erkämpfen. Mit einem zweiten Platz in Schleiz und dem dritten Gesamtrang am Jahresende konnte er schon im ersten Jahr einen Erfüllungsvermerk hinter dieses Vorhaben machen. Im Folgejahr hoffnungsvoll in die LK I eingestiegen, kam allerdings  gleich auf dem Sachsenring ein herber Rückschlag. Im internationalen Pokallauf wurde er in einen Unfall verwickelt, in dessen Folge er mit einer Wirbelsäulenverletzung vier Monate im Krankenhaus zubringen musste. Damit war die Saison 1976 für ihn beendet.



Beruf geht vor

Das Erscheinen der neuen Rennwagengeneration MT77 hätte für den Erfurter zu einem weiteren Ansteigen der rennsportlichen Karriere führen können. Er hatte einen der ersten neuen Rennwagen übernommen und mit ihm auf Anhieb den fünften Platz in der DDR-Meisterschaft belegt. Jedoch seine berufliche Entwicklung zu einem der Führungskräfte im Starkstrom-Anlagenbau zwang ihn zum Abbruch seiner Laufbahn als aktiver Rennsportler der DDR. Seine Rolle als NARVA-Teamchef erfüllte Klaus Günther jedoch weiter. Auch ihrem Erfurter Motorsportklub blieben die Günthers mit großem Engagement und der ihnen gewohnten Zuverlässigkeit bis in die 1990er Jahre treu erhalten.

Seinen MT77 sieht er nur selten, obwohl er ihm noch heute gehört. In den 1980er Jahren stellte er ihn manchmal seinen ehemaligen Rennfahrerkollegen zur Verfügung. Nach der Wende verlieh er ihn an die Handwerkskammer in Erfurt, die mit dessen Hilfe das Interesse an der Ausbildung einiger technischer Berufe steigerte. Und seit kurzem nimmt sein fast 40 Jahre alter Rennwagen ab und zu auch mal wieder Asphalt unter die Räder. Er soll jungen Einsteigern den Start in den Rennsport erleichtern.

Auch wenn es nicht so aussieht: Lu und Klaus Günther haben die „80“ bereits hinter sich gebracht (rechtes Foto mit Ellen und Heiner Lindner). Sie sind heute noch glücklich verheiratet und leben zeitweise in Thüringen oder in Mecklenburg. Beide halten sich mit regelmäßigem Morgensport und Schwimmen fit und schippern am liebsten mit ihrem Boot auf der mecklenburgischen Seenplatte herum. „Die Gesundheit ist noch ganz gut, wir rutschen allmählich aus der sportlichen Komponente in die geistige. Das sind Philosophie, Physik und Politik.“, gibt Klaus Günther über seine derzeitigen Interessengebiete zu Protokoll. Er schreibt vieles auf und eröffnet: „Vielleicht kann man´s ja mal lesen“.

Dann fügt er mit Bedacht noch einen Schlussgedanken an: „Wettkampf im Motorsport kann hart, gefährlich aber auch schön sein. Für den Sport und für die Industrie, denn es ist ein Kampf ohne Waffen!“

Aus: "Von Könnern, Machern und Legenden", HB-Werbung und Verlag 2016,  ISBN 978-3-00-054449-1
Fotonachweis: Archiv Günther  (23)